Verschnaufpause vor dem Saisonendspurt
26.03.2016 - 20:18 Uhr
Wir sprechen über den SV Darmstadt 98, den sichersten Absteiger aller Zeiten, das Tasmania Berlin der fußballerischen Neuzeit. Die „kleinste Trompete im Orchester“ (Präsident Rüdiger Fritsch) hat alle Experten düpiert und schlägt sich bislang mehr als wacker. Man darf die Lilien getrost als eine der Überraschungsmannschaften der Saison neben Mitaufsteiger Ingolstadt und Hertha BSC bezeichnen.
Die 98er sind zwar eine der Mannschaften mit den wenigsten Heimsiegen, aber in der Auswärtstabelle stehen sie auf Platz vier – übertrumpft lediglich von solchen Schwergewichten wie Bayern München, Borussia Dortmund und Bayer Leverkusen. Und unterm Strich reicht das aktuell zu Platz 13, allerdings nur mit einem Punkt Vorsprung vor dem Tabellenvorletzten auf Rang 17. Das ist übrigens der hessische Rivale Eintracht Frankfurt. Letzteres wird sich hoffentlich noch ändern, Ersteres hoffentlich nicht.
Denn nicht nur die Fans wollen den romantischen Traum vom Underdog, der die Großen ein bisschen ärgert, gerne noch eine weitere Saison träumen. Das hat etwas sympathisch Rebellisches im knallharten und gnadenlosen Fußballgeschäft, in dem es immer öfter um wahnwitzige Millionenbeträge geht, während in Darmstadt mit Bedacht und sehr viel Können die mit Abstand kleinsten Brötchen gebacken werden. Äußerst schmackhafte allerdings, wie viele Fußball-Nostalgiker landauf, landab finden. Und deshalb den Lilien die Daumen drücken, auch wenn ihr Fußballherz eigentlich für ganz andere Clubs schlägt.
Es scheint fast so, als würde dieser Sportverein aus dem Südhessischen mit seinem bis zum Gehtnichtmehr gepflegten Understatement gebraucht als Gegengewicht zu den Hochglanz-Kickern anderer Teams. Immer schön geerdet bleiben. Nur als Team sind wir stark. Einer rennt für den anderen. Alles leere Phrasen? Nicht in Darmstadt. Irgendwie nimmt man es Dirk Schusters Mannen ab, dass die Uhren hier anders ticken (wie es schon in einer grandiosen Choreo der Fans zum ersten Bundesliga-Spieltag hieß).
Überhaupt: Dirk Schuster. Was der Cheftrainer, Übungsleiter und Sportdirektor in Personalunion seit seinem Amtsantritt vor dreieinviertel Jahren bei den Lilien bewegt und erreicht hat, ist sensationell. Freilich mit Unterstützung eines kleinen, höchst fähigen und engagierten Teams an seiner Seite. Und doch steht Schuster wie kein anderer für den Höhenflug des Phönix aus der Asche. Des Fußballvereins am Rande des Abgrunds zur Bedeutungslosigkeit, der sich – zur Überraschung aller Fachleute – ungerührt aufmachte, zuerst Liga drei und dann Liga zwei von hinten aufzurollen, um schließlich in der Bundesliga bis heute keinen einzigen Tag auf einem Abstiegsplatz verbracht zu haben.
Alles ganz nett, aber unerheblich. Würde Dirk Schuster über solche Feststellungen sagen. Er denkt von Spiel zu Spiel. Sein Team denkt von Spiel zu Spiel. Und sammelt in Eichhörnchenmanier Punkt um Punkt. Es ist eng im Tabellenkeller, aber die Lilien haben sich in den 27 Partien bislang eine solche Ausgangslage erarbeitet, dass sie ganz entspannt in die alles entscheidenden letzten sieben Spiele gehen können. Die anderen haben den Druck. Die 98er nicht.
Wenn es am Ende doch nicht reichen sollte und sie absteigen, haben die Experten wenigstens im Ergebnis Recht behalten. Es wäre es schade, aber kein Beinbruch. Wenn das Team aber dem Wunder des Bundesliga-Aufstiegs das nächste Wunder namens Klassenerhalt folgen lassen sollte, würden sie allesamt endgültig im Darmstädter Fußball-Olymp Einzug halten und einen Ehrenplatz auf ewig beziehen. Und das Sensationelle ist: Die Lilien haben eine durchaus realistische Chance, dieses Wunder wahr werden zu lassen.
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